Allgemein Journal

Blumensträuße und Bofrost-Eis | Erinnerungen an meine Großeltern

Heute war die Beerdigung meiner Oma. Ich konnte leider nicht dabei sein (es ist manchmal wirklich blöd auf einem anderen Kontinent zu leben!). In den Tagen seit ihrem Tod habe ich viel darüber nachgedacht, was mir meine Oma und meine anderen Großeltern bedeutet haben. Viel! So viel schon mal vorneweg 🙂 In Phasen, wo ich viel nachdenke und so viele Gedanken und Erinnerungen in meinem Kopf herum schwirren, tut es mir gut alles (oder zumindest etwas) aufzuschreiben. So habe ich auch nach Papas Tod meine Gedanken und Gefühle versucht zu sortieren. Da mit meiner Oma die letzte meiner Großeltern gestorben ist, nehme ich das zum Anlass, ein paar Erinnerungen hier festzuhalten. Ich hatte das große Glück mit vier liebevollen Großeltern aufzuwachsen und viele schöne kleine und große Erinnerungen zu sammeln. Viel zu viele, um sie alle aufzuschreiben. Aber in dem Wissen, dass die Sammlung unvollständig sein wird, wage ich es trotzdem…

Ich erinnere mich an unzählige Sonntagsspaziergänge durch den schönen Schwarzwald. An die Annemarie Börlind Handcreme meiner Großmutter, die so gut (nach ihr) duftete. An ihren apricotfarbenen Lippenstift. An die mit Liebe selbstgepflückten Blumensträuße, die meine Oma immer fürs Geburtstagskind brachte. An die unfassbar große Auswahl an Servietten in Omas Vitrinenschrank. An Opas verschmitztes Grinsen, wenn er mir beim Begrüßen nicht nur einen Kuss auf die Wange gab, sondern mich auch frech an den Haaren zog. An sein Führerschein-Foto, auf dem er aussieht wie mein Bruder. An das Pflanzenregal, das er anhand meiner Skizze selbst baute. Daran, wie er auf der Landkarte immer ganz genau wissen wollte, wo wir unterwegs waren. Und wie er mich dann wegen meiner mangelnden Geografie-Kenntnisse auf die Schippe nahm. An den unvergesslichen Kanada-Urlaub mit Oma und Opa.

An die extra vorgewärmten Schüsseln für Kartoffelbrei und Bohnengemüse (Omas Bohnengemüse war das beste!). Daran, dass Oma immer Teigwaren statt Nudeln sagte. Und dass bei ihr selbst der Kuchenteig aus Vollkorn war. An das Bofrost-Eis mit der Kaugummi-Nase, das es nur bei Oma und Opa gab. An die weltgrößten Zucchini aus ihrem Garten. An die leckersten Johannisbeeren aus Großvaters Garten. Und an die Erdbeeren, die eigentlich so schon süß genug waren, aber trotzdem gezuckert und mit Sahne serviert wurden. Mmhhh… An Omas Quarkwaffeln, die trotz Vollkornteig soooo lecker waren. An die Puderzuckerdose, die man kurbeln musste, dass Zucker rauskam. An Omas Linzertorte, die zur Weihnachtszeit mit Sternen dekoriert war und zum Geburtstag mit Herzen. An Großmutters Linzertorte, die in der Kommode auf der Terrasse aufbewahrt wurde und tatsächlich mit jedem Tag besser wurde. An ihre selbst gestrickten Puppenkleider, auf die meine Schwester und ich so stolz waren.

An Großmutters wunderschöne Handschrift. Und an ihre Liebe für gute Tischmanieren. An Großvaters Salatsoße und Großmutters Flädlesuppe. Und daran, dass es zum Mittagessen immer auch eine Suppe und Salat gab. An den Ricola-Tee, den es bei ihnen immer zum Abendessen gab. An die weiß-blau-geblümten Teetassen, aus denen wir den Tee getrunken haben. Und daran, dass in der Ricola-Dose, wenn sie leer war, die Nacktschnecken aus dem Garten gesammelt wurden. Urgh. An die Krimis, die Großmutter meistens zu spannend waren. Wie sie dafür bestens über das Weltgeschehen informiert war und alles über das Studium ihrer Enkelkinder wissen wollte.

An die echten (!) Kerzen am Weihnachtsbaum von Großvater und Großmutter. Und wie wir drum herum saßen und gemeinsam alte Weihnachtslieder gesungen und Plätzchen gegessen haben. An Großmutters Schrank im Büro, in dem sie einen endlosen Vorrat an liebevoll zusammengelegtem (recyceltem) Geschenkpapier und aufgerollten Geschenkbändern hatte. An das Akkordeon, auf dem Großvater für uns „Uff de Schwäb’sche Eisebahne“ gespielt hat. An das jährliche Plätzchenbacken mit Großmutter. Daran, dass sie meinem Vater zu seinem Geburtstag im Dezember jedes Jahr eine Dose Hildabredle geschenkt hat – genau abgezählt für jedes Jahr ein Plätzchen.

„And when great souls die
After a period peace blooms
Slowly and always irregularly.

Spaces fill with a kind of soothing electric vibration.
Our senses, restored, never to be the same, whisper to us,
They existed, they existed.
We can be. Be and be better. For they existed.“

Maya Angelou

Wenn ich also das nächste Mal jemandem einen selbst gepflückten Blumenstrauß schenke, Großmutters Weihnachtsplätzchen backe, oder wir um den Weihnachtsbaum sitzen und alte Weihnachtslieder singen, werde ich ein Flüstern hören: They existed. We can be. Be and be better. For they existed. Ich bin so dankbar für all die Erinnerungen und alles, was ich von meinen Großeltern lernen durfte.

Nur das mit den echten Kerzen am Weihnachtsbaum, das lassen wir lieber.

1 Kommentar zu “Blumensträuße und Bofrost-Eis | Erinnerungen an meine Großeltern

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